Eine Schamlatzhosen-Strategie

Mein Blog wird einerseits meine aktuellen Arbeiten dokumentieren, andererseits auch rückwirkende Projekte und Veranstaltungen präsentieren.

Nachdem ich das 14. Jahrhundert für mich erschlossen hatte entdeckte ich in der Folge nun das 15. Jahrhundert . In der Herrenmode dieser Zeit entwickelte sich aus den klassischen seperaten Beinlingen die Schamlatzhose. 

Hier eine kleine Auswahl von Abbildungen von ebensolchen Schamlatzhosen aus Gemälden des 15. Jahrhunderts.

Die korrekte, passgenaue Anfertigung einer solchen Hose stellte mich lange Zeit vor große Herausforderungen. Jeder der schon mal ein solches Teil genäht hat weiß von den Schwierigkeiten und Tücken die mit der Fertigung dieses Kleidungsstückes einher gehen.

Nach mehreren Versuchen habe ich das Prinzip verstanden und erprobt. Nun stellte sich die Frage einer wirtschaftlichen Herstellung. Wie kann man diese umsetzen, ohne daß es für den Kunden unnötig kompliziert und teuer wird?

Fest steht es führt kein Weg an einer persönlichen Anprobe vorbei. Die Schamlatzhose ist eine Maßanfertigung, sie muss für einen perfekten Sitz am Kunden angepasst werden, denn watt sacht der Kölner so schön: „Jeder Jeck is anners“.

Da ich ja die klassische Schnittmustererstellung nie wirklich richtig gelernt hatte, begann ich mich autodidaktisch damit zu befassen. In meiner Ausbildung zur „Bekleidungstechnischen Assistentin mit Zusatzausbildung zur Modenäherin“ wurde die Schnittkonstruktion nur an einem Grundschnitt – Damenrock – grob erklärt und bearbeitet. Deshalb lege ich großen Wert darauf mich „Näherin“ zu nennen und nicht „Schneiderin“, denn ich habe das Schneiderhandwerk nie erlernt; es gab schon damals leider keine Möglichkeit mehr diesen wunderbaren Beruf zu ergreifen.

Die historischen Schnitte habe ich mir also die letzten Jahre auf etwas unkonventionelle Weise selbst erarbeitet und hergeleitet. Mit großer Leidenschaft adaptierte ich die Linienführung auf den zeitgenössischen Gemälden auf den modernen Körper.

Als nächstes meldete ich mich für einen Lehrgang am Modeinstitut Gabriel an. Für eine so komplexe Schnittkonstruktion wie die einer Schamlatzhose, sollte es ein System sein, nach welchem die Hose nach der ersten Anprobe schon annähernd perfekt sitzt. Dies versprach die sogenannte „Gabriel Formel“. Also wagte ich den Schritt zurück an die Schulbank um mein Fachwissen diesbezüglich  zu erweitern.

Ich war sehr gespannt, ob ich diese Formel auf die historische Linienführung und Schnittkonstruktion einfach so adaptieren konnte. Würde das nach meinen Vorstellungen funktionieren, wäre der Schnitt für die erste Anprobe schon passgenau?

Nach diesem intensiven Lehrgang konnte ich es  kaum erwarten, das neu erlernte System anzuwenden und auszuprobieren. Schon bald stellte sich auch ein geeigneter Probant freiwillig als Testperson zur Verfügung.

Im Maßstab 1:3 wurde erst einmal an einer Grundschnitthose ein Probeschnitt konstruiert.

Übertragen auf den Maßstab 1:1 stellte sich nun die Frage, wie mach ich aus zwei Seitennähten eine Hose mit nur einer hinteren Naht?

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Et voilà – es hat tatsächlich funktioniert. Bei der Anprobe musste ich „nur“ noch die Dehnung des Stoffes „wegnehmen“, die sich bei jedem Stoff anders verhält und im Vorfeld nicht berechnet werden kann. Ich war ganz erstaunt und glücklich darüber, daß sich mit der Gabriel FormeI dieser Schnitt nicht nur entwickeln lies, sondern auch noch sofort passte. Das war ein großer Fortschritt für mich und eine enorme Erleichterung in der zukünftigen Auftragsbearbeitung.

 

Diese Version der Schamlatzhose hat hinten noch drei Nähte, ich arbeite aber bereits an einer Version mit nur einer Naht und einem eingesetzt Keil,  so wie man es auf vielen historischen Abbildungen sieht, ein stetiger Prozess der Entwicklung.

Die Puppe entspricht natürlich nicht ganz den Maßen des Kunden,  aber ich denke, daß man die Passform und das Ergebnis schon gut erkennen kann. Die Hose befindet sich nun in der Beta Testphase und wird diversen Belastungsproben ausgesetzt sein.

Zu erwähnen wären außerdem diese „Schnürsenkel“ mit denen die Klamotte zusammengehalten wird.

Diese sogenannten Nestelbänder habe ich aus Seidengarn geflochten, es gibt diverse Flechtmethoden, vergleichbar mit Freundschaftsbändern. Die Bänder werden durch Nestellöcher gezogen, umstickte runde Knopflöcher. Die Enden werden mit Nestelspitzen versehen, so lassen sich die Bänder ohne Probleme durch die Löcher fädeln.

Nach langer Suche habe ich endlich einen Kunsthandwerker gefunden, der mir  besonders feine Spitzen aus Messing anfertigt und diese auch gleich an die Nestelbänder montiert. (Rechts daneben im Vergleich eine handelsübliche, zu grobe Nestelspitze.) Auf solche Details lege ich höchsten Wert bei der Anfertigung meiner rekonstruierten historischen Mode.

***

Es folgt nun die Konstruktion weiterer köperbetonter Oberbekleidung des 15. Jahrhunderts, wie zb. Rüstwämser.

Ich hoffe der kleine Einblick in meine Arbeit und die damit einhergehenden Problemlösungen mit denen ich mich beschäftige hat Euch gefallen.

Fotos: Karolin Fischer

One Reply to “Eine Schamlatzhosen-Strategie”

  1. Danke fürs „Mitnehmen“

    Deine Vorgehensweise finde ich toll. Eine Gewandung zu nähen wie sie vor langer Zeit hergestellt wurde. Verstehe Dich da mehr als gut es ist wie ein Motor der einen antreibt es ganz genau wissen zu wollen.
    Ich nähe zwar nicht aber für „mein“ Thema benutze ich auch diese Vorgehensweise. Ich „grabe“ mich zu den Anfängen vor bis sich mir alles erschließt.

    Wirklich ein hochinteressanter Beitrag den ich mit viel Freude gelesen haben.

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