Mr. Hurley bekommt ein neues Gewand

Foto: (c) Inselaffe

Hier folgt nun, wie von Euch gewünscht, ein Bericht aus aktueller Produktion. 🙂

Durch Blockbuster wie „Pirates of the Caribean“ sind Piraten in letzter Zeit wieder sehr in Mode gekommen. Aus dem Look der Klamotten und dem „Lifestyle“ voller Abenteuer und Romantik, hat sich eine regelrechte Szenekultur entwickelt aus der auch diverse Musikbands hervorgegangen sind.

Ich habe das Glück einige dieser Bands mit meinen Kreationen ausstatten zu dürfen. Dazu gehören auch die PULVERAFFEN (www.pulveraffen.de).

Mr. Hurley bekommt ein neues Gewand. Eine Hose und eine Weste sollen es werden. Dabei hat Simon sehr genaue Vorstellungen davon, wie er seine Sachen haben möchte: die Weste kurz und die Hose pluderig weit.

Nun mag ich es allerdings, wenn die „Kostüme“ nicht zu „kostümig“ aussehen – sondern eher nach historischer Bekleidung. Auf entsprechenden Tragekomfort, auf hochwertige Stoffe und praktische Details wie Taschen, lege ich sehr viel Wert und orientiere mich dabei möglichst nahe am historischen Original.

 

Mein Lieblingsbuch über Barocke Männermode ist momentan der wunderbare Bildband „Modeljon, Manligt Mode“, eine Veröffentlichung aus der Livrustkammaren, der Rüstkammer des königlichen Schlosses in Stockholm.

Eine meiner liebsten Abbildungen aus dem Buch zeigt die morphologische Entwicklung von Herrenwesten vom Barock zum Empire. Da Mr. Hurley ja eher eine kurze Variante bevorzugt, wird es also eine spätere barocke Form werden (Weste Nr 4).

 

Meine Stoff-Auswahl für die Weste fiel auf ein rustikales Leinen – braun beige meliert.

Zum Übertragen der Schnittmuster benutze ich einfaches Packpaier.

Nein, ich habe mich hier nicht verzeichnet. 😉 Ich passe meine Schnitte an jeden Kunden individuell an.

Ohne gute Stoffschere geht gar nichts! Meine Blumenschere darf auf keinen Fall im Repertoire fehlen.

Hurley hatte den Wunsch viiiiiele Knöpfe! 🙂

Ein weiteres Schätzchen ist meine Knopflochschere. Die ist das beste was mir je passieren konnte – sie ist so praktisch und erleichtert das Knopfloch einschneiden um 100%.

Wie bereits erwähnt ist mir die praktische Altagstauglichkeit meiner Gewänder sehr wichtig. So Details wie TASCHEN  in der Weste sind für mich selbstverständlich.

Und hier einmal die fertige Weste auf der Puppe.

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Da Hurley`s Farbe „grün“ ist, musste es natürlich eine grüne Pluderhose werden. Ich habe ein besonders schönes intensives grün gefunden aus robustem Leinen.

Den Teil wo ich mit meiner Gütermann Garn Farbkarte den passenden Ton raussuche mag ich mit am Liebsten.

Beim Garn sollte man nicht sparen! Ich benutze ausschließlich nur noch Gütermann! Entschuldigt die Schleichwerbung – aber gutes Garn ist nicht zu unterschätzen. Seit ich nur noch das Markengarn verwende habe ich kaum noch Probleme mit meinen Maschinen. Das meiste der Probleme mit Nähmaschinen kommt vom Garn. Und natürlich von der Haltbarkeit und  Strapazierfähigkeit der Nähte ganz zu schweigen. Also Leute spart nicht am GARN!

Hosenknopfleiste im Detail

Detail Kniebündchen mit Knöpfen.

Versteckte Hosentaschen! 😉

Das fertige Ensemble. Weste und Pluderhose. Jetzt kann Hurley es nach Herzenslust noch verrantzen!

Ich hoffe der Einblick in meine aktuellen Aufträge hat Euch gefallen.

Eine Schamlatzhosen-Strategie

Mein Blog wird einerseits meine aktuellen Arbeiten dokumentieren, andererseits auch rückwirkende Projekte und Veranstaltungen präsentieren.

Nachdem ich das 14. Jahrhundert für mich erschlossen hatte entdeckte ich in der Folge nun das 15. Jahrhundert . In der Herrenmode dieser Zeit entwickelte sich aus den klassischen seperaten Beinlingen die Schamlatzhose. 

Hier eine kleine Auswahl von Abbildungen von ebensolchen Schamlatzhosen aus Gemälden des 15. Jahrhunderts.

Die korrekte, passgenaue Anfertigung einer solchen Hose stellte mich lange Zeit vor große Herausforderungen. Jeder der schon mal ein solches Teil genäht hat weiß von den Schwierigkeiten und Tücken die mit der Fertigung dieses Kleidungsstückes einher gehen.

Nach mehreren Versuchen habe ich das Prinzip verstanden und erprobt. Nun stellte sich die Frage einer wirtschaftlichen Herstellung. Wie kann man diese umsetzen, ohne daß es für den Kunden unnötig kompliziert und teuer wird?

Fest steht es führt kein Weg an einer persönlichen Anprobe vorbei. Die Schamlatzhose ist eine Maßanfertigung, sie muss für einen perfekten Sitz am Kunden angepasst werden, denn watt sacht der Kölner so schön: „Jeder Jeck is anners“.

Da ich ja die klassische Schnittmustererstellung nie wirklich richtig gelernt hatte, begann ich mich autodidaktisch damit zu befassen. In meiner Ausbildung zur „Bekleidungstechnischen Assistentin mit Zusatzausbildung zur Modenäherin“ wurde die Schnittkonstruktion nur an einem Grundschnitt – Damenrock – grob erklärt und bearbeitet. Deshalb lege ich großen Wert darauf mich „Näherin“ zu nennen und nicht „Schneiderin“, denn ich habe das Schneiderhandwerk nie erlernt; es gab schon damals leider keine Möglichkeit mehr diesen wunderbaren Beruf zu ergreifen.

Die historischen Schnitte habe ich mir also die letzten Jahre auf etwas unkonventionelle Weise selbst erarbeitet und hergeleitet. Mit großer Leidenschaft adaptierte ich die Linienführung auf den zeitgenössischen Gemälden auf den modernen Körper.

Als nächstes meldete ich mich für einen Lehrgang am Modeinstitut Gabriel an. Für eine so komplexe Schnittkonstruktion wie die einer Schamlatzhose, sollte es ein System sein, nach welchem die Hose nach der ersten Anprobe schon annähernd perfekt sitzt. Dies versprach die sogenannte „Gabriel Formel“. Also wagte ich den Schritt zurück an die Schulbank um mein Fachwissen diesbezüglich  zu erweitern.

Ich war sehr gespannt, ob ich diese Formel auf die historische Linienführung und Schnittkonstruktion einfach so adaptieren konnte. Würde das nach meinen Vorstellungen funktionieren, wäre der Schnitt für die erste Anprobe schon passgenau?

Nach diesem intensiven Lehrgang konnte ich es  kaum erwarten, das neu erlernte System anzuwenden und auszuprobieren. Schon bald stellte sich auch ein geeigneter Probant freiwillig als Testperson zur Verfügung.

Im Maßstab 1:3 wurde erst einmal an einer Grundschnitthose ein Probeschnitt konstruiert.

Übertragen auf den Maßstab 1:1 stellte sich nun die Frage, wie mach ich aus zwei Seitennähten eine Hose mit nur einer hinteren Naht?

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Et voilà – es hat tatsächlich funktioniert. Bei der Anprobe musste ich „nur“ noch die Dehnung des Stoffes „wegnehmen“, die sich bei jedem Stoff anders verhält und im Vorfeld nicht berechnet werden kann. Ich war ganz erstaunt und glücklich darüber, daß sich mit der Gabriel FormeI dieser Schnitt nicht nur entwickeln lies, sondern auch noch sofort passte. Das war ein großer Fortschritt für mich und eine enorme Erleichterung in der zukünftigen Auftragsbearbeitung.

 

Diese Version der Schamlatzhose hat hinten noch drei Nähte, ich arbeite aber bereits an einer Version mit nur einer Naht und einem eingesetzt Keil,  so wie man es auf vielen historischen Abbildungen sieht, ein stetiger Prozess der Entwicklung.

Die Puppe entspricht natürlich nicht ganz den Maßen des Kunden,  aber ich denke, daß man die Passform und das Ergebnis schon gut erkennen kann. Die Hose befindet sich nun in der Beta Testphase und wird diversen Belastungsproben ausgesetzt sein.

Zu erwähnen wären außerdem diese „Schnürsenkel“ mit denen die Klamotte zusammengehalten wird.

Diese sogenannten Nestelbänder habe ich aus Seidengarn geflochten, es gibt diverse Flechtmethoden, vergleichbar mit Freundschaftsbändern. Die Bänder werden durch Nestellöcher gezogen, umstickte runde Knopflöcher. Die Enden werden mit Nestelspitzen versehen, so lassen sich die Bänder ohne Probleme durch die Löcher fädeln.

Nach langer Suche habe ich endlich einen Kunsthandwerker gefunden, der mir  besonders feine Spitzen aus Messing anfertigt und diese auch gleich an die Nestelbänder montiert. (Rechts daneben im Vergleich eine handelsübliche, zu grobe Nestelspitze.) Auf solche Details lege ich höchsten Wert bei der Anfertigung meiner rekonstruierten historischen Mode.

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Es folgt nun die Konstruktion weiterer köperbetonter Oberbekleidung des 15. Jahrhunderts, wie zb. Rüstwämser.

Ich hoffe der kleine Einblick in meine Arbeit und die damit einhergehenden Problemlösungen mit denen ich mich beschäftige hat Euch gefallen.

Fotos: Karolin Fischer